12August
2025

Aus'm Ried via Dietzenbach über Heusenstamm nach Home sweet Home

Tag 20 120825

Die Campingfreunde hatten in der Nacht noch einer anderen 2-Personen-Kombi Unterschlupf gewährt. Ein neues Zelt überraschte mich am frühen Morgen. Nicht sehr versierte Camper schien es mir: das Zelt nicht abgespannt, Rucksäcke draußen, Radtaschen offen…

Herbert, der Platzwart begrüßt und freudig und hofft, dass wir eine angenehme Nacht hatten. "Ja, danke, soweit schon". 

Die Wege zu den Toiletten sind manchmal sehr weit - hier benutzen wir nachts eine Abkürzung. 🤣

Wir starten Richtung Pfungstadt und halten noch kurz am Netto, um die Tagesration Wasser einzukaufen. Christoph verlässt sich dieses Mal auf Google Maps und das war keine gute Idee. Da sind zwar Wege, aber welche, die nicht unbedingt für (vollbepackte) Räder geeignet sind. Wir strampeln uns durch die hohen Wiesen und fahren „von hinten“ an den Garten. Eine gute dreiviertel Stunde verbringen wir mit Elke und sie kommentiert selbst das Foto so: „jung und sportlich umrahmt Alter“ – danke fürs Kompliment – uns trennen ja nur schlappe 19/20 Jahre. 

War schön und deine Cantucci - sehr, sehr lecker!

Richtung Heimat stellt sich der Stallgeruch ein und der Wunsch, schnell nach Hause zu kommen wird stärker. Ein Espresso bei Silke in Dietzenbach muss aber allemal sein. Also schlenkern wir da noch rum. Die bekannten Wege und Pfade führen uns noch am Heusenstammer Friedhof vorbei und ich nutze die Gelegenheit ein paar Kannen Wasser den Pflanzen zu geben. Da zeigt sich schon der nächste Auftrag: Grabpflege.

Erkenntnis 1: wenn man das Telefon auf Flugmodus stellt, heißt das für die Reisegeschwindigkeit rein gar nichts.

Erkenntnis 2: Die Kommunikation zwischen zwei Personen kann sehr unterschiedlich aufgefasst werden. Ich werde mir einen Termin beim Hörakustiker machen, um a) auszuschließen, dass ich wirklich schlechter höre, und b) je nach Ergebnis von a) Christoph zum deutlichen Sprechen zu bewegen.

Erkenntnis 3: es gibt mehr Rennradfahrende, schöne Häuser… und all‘ das, was ich in den anderen Ländern festgestellt habe, auch in D – also vielleicht immer mal die eigene Umgebung mit den Augen von Besuchern versuchen wahrzunehmen?

Erkenntnis 4: so ein Urlaub kann erholsam sein! Vor allem für's Gehirn. Ja, körperlich fordert er heraus, aber Luxus habe ich zuhause, da brauche ich doch nicht noch mehr im Urlaub!

Erkenntnis 5: Reduktion kann ein Glück sein – ich werde Ausmisten!

Erkenntnis 6: nach Hause kommen ist immer schön, auch wenn es heißt, dass die Arbeit wieder ruft. Soll sie doch – ich höre doch nicht gut, wie Christoph behauptet.

Erkenntnis 7: wir sind ohne Probleme durch diese Reise gekommen (Danke Bini für deinen Reisesegen!), keine technischen Probleme, keine Verletzungen (außer "Bisse" der Pedalen an den Beinen und ein paar Mückenstichen!), kein schlechtes Wetter. Dankbarkeit für all' das stellt sich ein.

Erkenntnis 8: man kann mehr schaffen, als man sich vorstellen kann. Es ist eine Frage der Einstellung und des Willens. Was wolltest du schon immer mal erreichen? Gehe es an. 

In diesem Sinne, der maschinelle Fuhrpark (Waschmaschine/Spülmaschine) läuft und das Wetter ist zum Trocknen der Wäsche gerade recht; morgen geht's dann halt doch dahin, von woher so laut gerufen wird.

Es wurden nun 1.169 geradelte Kilometer. Höhenmeter über 5.500.

Christoph besorgt noch einen kleinen hessischen "Apero" beim hiesigen Metzger. Hier kennen wir die guten Quellen. 😄

Das "Willkommen" von der Nachbarin:

Und für alle, die sich auch nicht mit der Pfälzer Schorle auskennen:

Habt einen schönen Sommer, bleibt so gesund wie eben möglich und bis zur nächsten Reise, wenn Ihr mögt.

Christoph & Christiane

PS: Mein Mantra für die nächsten Herausforderungen - "Ich hab' den Gotthard geschafft, dann schaffe ich auch das..." für was auch immer mich auf meinem Lebensweg so erwartet.

11August
2025

Von Baden in die P(f)alz nach Hessen

Tag 19, 110825

Erneut träumen die meisten auf dem Campingplatz noch, ein paar Hunde-Gassi-Gehende jedoch sind schon unterwegs während wir unser Zeug zusammenpacken. Streng verboten ist es, das auf dem Campingplatz zu machen.

Wir werden bis Rastatt Bahnhof fahren und dort den Zug nach Schwetzingen nehmen, Umstieg in Karlsruhe. Hier werden wir direkt heimisch (die Wiener Feinbäckerei hat ihren Hauptsitz in Mühlheim) empfangen und gönnen und einen Kaffee und was auf die Hand.

Wir treffen eine Amerikanerin, die uns im DB Reisezentrum anspricht und meinte, dass sie früher auch solche Touren mit den Rad unternommen hätte. Leider müsse sie nun nach einem Sturz auf einer Radtour von „Hotel zu Hotel“ entlang der Donau nach USA zurück, um sich (vermutlich) dort am Handgelenk operieren zu lassen. Ihr „Boyfriend“ setzt die geplante Tour bis Budapest alleine fort, es sei sein Traum gewesen. Sie tat uns richtig leid, da sie wegen fehlender deutscher Sprachkenntnisse auch ein bisschen lost erschien. Ich wollte ihr schon anbieten mit zu uns zu kommen (sie wollte an den Frankfurter Flughafen), konnte mich aber gerade noch zurückhalten, da wir ja selbst heute noch nicht in Mühlheim sein würden. Mein Hirn ist immer noch auf „helfen-helfen“ konditioniert, wie ich das von meinen Eltern gelernt habe. 
Ich hoffe, sie findet ihren Weg nach Chicago – sie muss alles umplanen, denn der Rückflug war von Wien aus geplant; will mal hoffen, dass alles für sie gut ausgeht. Ich habe sie gefragt, ob sie hoffentlich eine gute „Medicare“ hat und sie schämte sich fast ein wenig für Donald (nicht den mit Nachnamen Duck – Ihr wisst schon!), der ja gerade für die einfachen Leute die Krankenversicherung nahezu abgeschafft hat. „I'm an old lady, I am safe“. Sie schien auch ausreichend Geld zu haben, denn sie erzählte noch, dass es nicht ihre erste Fahrradtour in Europa gewesen sei. Also keine der „einfachen Leute“.

So kann es aussehen, wenn der Aufzug streikt. Wohl einer Rinne am Rand. Ich nehme aber die rechte Vorderradtasche ab.

Während sich Schwetzingen als wirklich hübsche Stadt mit tollem Schloss und vermutlich vielen Steuereinnahmen präsentiert, schlängeln wir uns später durch den industriellen Großstadt-Dschungel von Ludwigshafen und Mannheim.

Der ADAc gibt Hinweise zu Fahrradstraßen:

Immer häufiger ist das Schild "Fahrradstraße" in deutschen Städten zu sehen. Was Radfahrer und Autofahrer hier beachten müssen.

In einer Fahrradstraße dürfen nur Fahrräder und E-Scooter fahren
Zusatzschilder können Auto- und Motorradverkehr zulassen
Es gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h
So wie Hauptverkehrsstraßen den Autoverkehr konzentrieren, dienen Fahrradstraßen der Bündelung des Radverkehrs. Sie können dort eingerichtet werden, wo der Radverkehr Priorität hat oder bekommen soll. Es gelten besondere Regeln, der Radverkehr hat Vorrang.

Es dauerte lange bis wir am Rhein waren, daher kam der Biergarten des Pfälzerwald Verein gerade recht in der Mittagshitze. Den können wir nur empfehlen: hier sind die Preise noch gering, da die Mitarbeit der Gäste gefordert wird. Reingehen, bestellen, mit raus nehmen, Geschirr zurückbringen. Ich wurde eingeführt in die Geheimnisse der Pfälzer Weinschorle, als ich zwei davon bestellte: ein 0,5 ltr. Glas wird zu mind. 2/3 mit Wein gefüllt und der Rest gutes hessisches Mineralwasser der Elisabethenquelle (ich grüße hier den Mann meiner Chorfreundin Elke, der dort arbeitet). Uih, das ist ne Dröhnung! Da muss sich doch gleich ein Schläfchen anschließen – finde einen schattengebenden Baum. Wir nehmen heute einen Ahornbaum.

Dass es in Italien und Frankreich heiß sein würde, war zu erwarten. Aber dass es auch in der Schweiz und in Deutschland so knackig und immer über 30° Grad C ist, war schon eine Überraschung. Immer noch besser als eine dauerhafte Regenwetterfront.

Das Wormser Stadttor erhebt sich über einer Schnellstraße. Ein eigenartiges Zusammentreffen.

Nun sind wir in Gernsheim (einmal mussten wir die Fähre über den Rhein nehmen, die wir bereits mit dem Rad auf einer Tagestour mal „bereist“ hatten) und begehen den Abend bei den Campingfreunden Schusterwörth e.V. in Biebesheim. Hier hat montags der Betrieb schon gut abgenommen, da es viele Dauercamper zu geben scheint. Bananenpflanzen gedeihen hier auch! Nach 7 Jahren tragen sie.

Christoph freut sich schon, morgen zuhause die Waschmaschine zu starten. Aber auch Elke zu treffen, die Frau eines Cousins seines Vaters, die nur 11km von uns weg lebt.

Einen kurzen Momente verbringen wir noch am Strand des Rheins:

10August
2025

Deutschland hat uns wieder!

Tag 18, 100825

Wieder erheben wir uns früh aus den Federn. Um 6:05 Uhr rascheln wir uns raus und packen unseren Krimkrams zusammen. Ganz leise funktioniert das ja nie. Entweder klappern die die Flip-Flops oder die Fahrradschuhe knirschen über den Schotter, wahlweise Asphalt. Da wir jedoch ohne Unterhaltung zusammenpacken können, erscheinen wir uns recht ruhig.

Heute geht's ein Stück „zurück“- also wieder durch die Baustelle (runter ist [meist] leichter) auf die Bahntrasse bis nach Marlenheim und kurz danach den Abzweig Richtung Strasbourg nicht verpassen. Im Café „Klugesherz“ (schöner Name, nicht?) frühstücken wir noch und finden dafür ein Schattenplätzchen, denn auch um 9:00 Uhr brezelt die Sonne schon ordentlich runter. Am „Canal de la Bruche“ ist schon reger Verkehr: Rennradler, E-Biker, Radwanderer wie wir, mit und ohne Motor, Familien(verbände) zum Fahrradausflug, Spazierende Gruppen… Hundespaziergänger meiden diesen Weg vermutlich schon aus Erfahrung, denn diese müsste man immer eng bei sich führen bei diesem Trubel – auch für einen romantischen Spaziergang frisch oder immer noch Verliebter, qualifiziert sich dieser Weg nicht.

Sehr beeindruckt hat mich dieser Geselle, der, wenn man sich von hinten nähert, einen ganz schön bedrohlichen Eindruck macht. Der Künstler hat Stahlstangen miteinander verschweißt und dann den schwarzen Kunststoff aufgebracht (zumindest erkläre ich mir das so). 

Strasbourg streifen wir gekonnt und entgehen so dem innerstädtischen Treiben. Kennen wir ja auch. Aber hier geht es wieder an den Canal du Rhone au Rhin. Die Menschen genießen überall das Draußen sein. Hier würde ich gerne laut ausschreien: "Stoppt den Krieg" - an der russisch-orthodoxen Kirche. 

Im Naturschutzgebiet sehe ich gerade das im Auftauchen begriffene "Krokoldil". Findet Ihr es auch?

Parallel versetzt zum Rhein nähern wir uns dem Ort „La Wantzenau“ und ein mobiler Hähnchenstand lädt zum Halten ein. Auf dem Parkplatz des Carrefour-Supermarktes steht er. Wir entdecken aber Geschäftigkeit im Laden und stellen erfreut fest, dass er bis 12:00 Uhr auf hat. Also huschen wir noch schnell rein und lassen das mit dem Hühnchen sein.

E2 D2 arbeitet im Vorgarten und lässt sich während unserer Pause unter der gegenüberliegenden Kastanie nicht beirren in seinem Tun. Der Schatten der Kastanie ist sehr willkommen und beim der Abfahrt bedanken wir uns artig für ihren Schatten.

Heute trauen ich mich an ihn ran:   Eingefleischte Sch'tis-Fans kennen ihn, den Maroille. Er ist gar nicht so schlimm, wie ich gemeint hatte. Schmeckt sogar ganz gut und seinen Dudft, frisch aus dem Kühlregal, konnte er noch nicht entfalten.

Die vielen Bananenpflanzen waren für uns ein Rätsel, aber sie scheinen auch zu tragen: 

In einem Nebenarm des Rhein sehe ich diese Schwanen-Stelle und überlege mir, ob das eine Speed-Dating Spot für Schwäne ist. Die müssen sich schließlich auch irgendwo kennenlernen!

Auf der anderen Rheinseite tönt der Flugverkehr von Karlaruhe/Baden-Baden. Auf der alten Rheinbrücke

verlassen wir Frankreich mit etwas Wehmut im Gepäck aber mit Vorfreude auf die restlichen Kilometer. Unser heutiges, von Christoph kurzerhand angepasstes Ziel: Freizeitparadies Rastatt. Nach dem Aufstellen des Zeltes gönnen wir uns ein Bad im zugehörigen See, der noch von allerlei Tagesbesucher*innen bevölkert ist.

Wir sind zurück in deutscher Gründlichkeit und genau einzuhaltenden Vorschriften: Halleluja!

Schön aber, dass es ein "eigenes" Badezimmer für Kinder gibt.

Morgen nehmen wir ein Stück die Bahn. Wir werden bis Schwetzingen fahren und dann sehen, wohin uns der Wind treibt.

09August
2025

Adieu Turckheim

Tag 17, 090825

Wir starten früh und sind um 7:15 Uhr auf der Piste. Früh morgens fuhr noch ein Heißluftballon über den Platz, der sich durch das Erhitzen der Luft mit dem Gas bemerkbar macht.

Wieder geht es durch Weinberge und die zweite und dritte Silbe des Wortes sind die entscheidenden. Von wegen die letzten Höhenmeter wären geschafft! Nix da. Bei genauerem Studieren der Touren hätte ich das sehen und erwarten können, aber will ich das überhaupt? Meiner persönlichen Arbeitsmoral auf dem Fahrrad ist es sicher zuträglich, nicht so genau zu wissen, was mich erwartet. Christoph plant schon so, dass ich das (und er auch, aber manchmal haben Männer noch andere Reserven)  schaffen kann. Darauf kann ich mich zu 100% verlassen.

Es reiht sich ein süßerer Ort an den anderen, alle haben schöne Blumenarrangements und beim „Mairie“ (dem oder der Bürgermeister*in) ist es immer besonders hübsch. Die Ortnamen enden entweder auf „heim“, „wihr“oder „willer“. Es ist die Route Vin d‘ Alsace. Nach einer guten Stunde im Sattel finden wir eine Bäckerei und müssen Schlange stehen. Die Auslage ist auch wirklich nicht zu verachten. Nun fehlt noch ein Metzger zum Glück. Diese sind aber auch hier rar, es rentiert sich wohl in den kleinen Orten nicht mehr oder Nachfolger haben sich nicht gefunden. Vor lauter Glück, einen gefunden zu haben, hält Christoph bei einer Boulangerie an. Ich frage ihn, ob er noch mehr Brot kaufen wolle, denn das sei doch ein Bäcker und keine Boucherie. Ach ja.

Und schaut her! Wir haben ihn eingeholt, den Ballon.  

Im nächsten Ort fahren wir auf ein süßes Häuschen mit blauen Fensterläden zu. Im geöffneten Fenster steht eine blonde Frau, farblich passend zum Haus gekleidet (vermutlich nicht absichtlich) und Christoph fragt sie, ob es im Ort eine Metzgerei gäbe. „Oh, das kann ich leider nicht sagen, ich bin aus Dänemark“ war ihre Antwort in englischer Sprache. „Das trifft sich gut, da geht unser nächster Urlaub hin“, meint Christoph. „Kein Metzger hier“, kann die Bekannte, die auch ans Fenster herantritt, der Konversation beisteuern – okay, weiter geht’s. Vielleicht sehen wir uns auf Fünen? „Wir seien willkommen“, ruft sie uns hinterher.

In Obernai finden wir noch eine Bio-Markthalle und schauen uns neugierig das schon schwindende Angebot an, da die Händler schon zusammen packen. Das angrenzende Städtchen zeigt sich mit netten Cafés und dann, durch ne kleine Gasse durchgeschoben, wieder wilden Tourismus. Auf dem Rathausplatz gibt es kleine Erfrischungsduschen mit Wasser-Gischt für Mensch und Tier. Hier lassen wir uns nieder und machen Mittagspause in dem bisschen Schatten. den uns die Blumen spenden.

Kurz vor unserem Zielort „Wasselonne“ was Christoph gerne mit Wassermelone umschreibt, gibt es in Marlenheim einen Supermarkt, der uns mit allem versorgen kann, was wir uns so wünschen. Genüsse inklusive, versteht sich. Da es sonntags in Frankreich schwierig sein kann, Lebensmittel einzukaufen, müssen wir für beide Tage etwas holen. Das gibt ordentlich Kilos ins Gepäck!

Kurz vor dem Campingplatz zeigt sich dann noch eine Baustelle, durch die wir durchmüssen. Leider noch viel Schotter auf der Straße und nicht ganz easy zu bewältigen, aber die Umfahrung wäre deutlich anstrengender gewesen. Augen zu und durch. 450 Höhenmeter (inkl. Baustelle), 81,7km.

 

08August
2025

Lizenz zum Pausemachen

Tag 16, 080825

Manches Mal, wenn Dinge stupide sind, fällt einem allerhand Blödsinn ein. So reimt Christoph gestern z.B. „Hast‘ de Rei in de Tasche, kannst' de immer ma was wasche.“ Eine entsprechend hessische Aussprache wird vorausgesetzt. Mir fiel heute auf dem Rückweg von Colmar ein: „Alle suchen Schattn, nur einer net, der hattn.“ Aber starten wir chronologisch: Christoph nimmt das Rad, um uns mit etwas Frühstück zu versorgen. Und da kommt doch passend, dass Markttag ist. Entsprechend lang wird seine Suche nach Verzehrfähigem, da er natürlich sehr interessiert das Angebot inspiziert.

Mit „Pain au Chocolat“ macht er mir nach seiner Rückkehr eine Freude, für sich hat er ein Puddingstückchen mitgebracht. Kaffee hole ich an der Rezeption.

Wir nehmen den Bus nach Colmar und ich bin sehr überrascht, wie man hier den Fahrschein bekommt: im Bus die Kreditkarte an den Automaten halten, das Gerät schaltet sich ein, Anzahl Personen per „Plus-Taste“ eingeben, bestätigen, fertig. So geht Digitalisierung! Mit der Kreditkarte weist man sich aus, dass man bezahlt hat. Genial!

Colmar ist überfüllt. Reisegruppen aus jeglichem internationalem Ausland schieben sich durch die Gassen. Wie mag das für die angestammte Bevölkerung sein? Ja, die Wirtschaft (im doppelten Sinne) blüht, aber wie fühlt sich das als „Einheimischer“ an? Gibt es eine Saison, bzw. hört die irgendwann auf? Später bemerken wir, dass sich der Trubel auf ein paar wenigen Straßenzüge und Gassen beschränkt, aber dennoch sehe ich in einem Vorgarten mehrere Papiere, die darauf hindeuten, dass sich Menschen auf der Suche nach einem WC dort schnell erleichtert haben. Ich mag gar nicht zu diesem Trubel gehören und doch bin ich mittendrin. Wir hinterlassen Spuren überall, und vor allem digitale. Welche Auswirkungen das auf uns einmal haben wird, wissen Zukunftsforschende besser als wir. Rosig erscheint es mir nicht. Es grüßt „Palantir“ – das datensammelnde Monster.

Wunderschön sind die Blumenkästen und Arrangements, die mir immer wieder auffallen. Auch hier in Colmar:

Dass wir Klein-Venedig einen Besuch abstattet müssen, versteht sich von selbst:

Allerding scheint hier das Wasser noch dreckiger, als im echten Venedig.

Es ist ein sehenswertes Städtchen, wenn man es aufsucht nicht nur im Instagram Content zu generieren, wie so viele andere hier. Hauptsache ein Foto. In der Markthalle essen wir bei einem Vietnamesen zu Mittag. Lustig, gelle? Eine junge Familie kommt und das Kleinkind, gerade aus dem Schlaf aus dem Buggy gerissen, ist unzufrieden und entsprechend unruhig. Den Eltern ist es schnell zu unangenehm und was machen sie? Handy an, Kinderkrempel ein. Das ist wohl der neue Schnuller.

Auch habe ich mich gefragt, ob sich Häuser aufgrund des vielen „fotografiert-werdens“ abnutzen, denn dann wären in Colmar (und wahrscheinlich auch in vielen anderen sehenswerten Orten/Städten) bald nur noch Ruinen zu sehen.

Ich bin sehr im Zwiespalt: einerseits so verbunden in und mit der Natur zu sein, durch eigenen Antrieb sie zu durchradeln, andererseits diesen Massentourismus erleben zu müssen und den Massentourismus ja auch mitzumachen.

Ein schöner Pausentag neigt sich dem Ende zu und ich hoffe, dass wir heute noch alles in den Blog stellen können. Liebe Grüße an euch alle „da draußen“… wir nähern uns der Heimat!

Hier noch unsere "Leistungsträger"!

07August
2025

Kemps Camping bis Turckheim

Tag 15 070825

Wir verlassen den Grand Canal d' Alsace, aber nicht bevor wir ihn nicht mehrfach überquert hatten.

Früh morgens loszufahren hat seinen Reiz: es sind weniger Radelnde unterwegs, man sieht noch Tiere (z.B. Rehe, die leider doch noch schnell ins Maisfeld hüpfen), und die Temperaturen sind gut erträglich. Nun, über das Wetter dürfen wir uns gar nicht beschweren! Ja, perfekt wäre anders, aber dass wir so wenig Regen haben, dafür sind wir richtig dankbar! Bislang regnete es ja nur nachts oder in den früheren Morgenstunden.

Wir finden uns am Canal du Rhone au Rhin (das O müsste ein Dach haben, finde es leider nicht auf der Tastatur) und fahren sogar ein Stückchen einer aus vorletztem Jahr bekannten Strecke durch einen Wald.  
Der Elsass ist wirklich sehr, sehr schön und wir genießen jeden Moment. In Turckheim angekommen, erwartet uns ein hübsches, puppiges Städtchen. Da es nur eine Möglichkeit gibt, die Hängematten zu installieren, hängt sich Christoph kurzerhand unter meine.

Für das Abendessen und Wasser fahren wir in den nächsten Leclerc Supermarkt. Nochmal 3,6 km dazu. Auf dem Rückweg merke ich meine Beine – irgendwie wäre mir ein Pausentag ganz willkommen. Und bei Christoph stoße ich damit nicht auf „taube Ohren“. Der Platz hier, Le Medieval, ist so schön, so gut ausgestattet und angenehm, dass wir entscheiden zu bleiben (dem/der aufmerksamen Leser*in sollte nicht entgangen sein, dass es die ersten zwei Nächte am gleichen Ort sind), auch der Ausblick auf den Weinberg. Abends statten wir der Altstadt einen kleinen Besuch ab und entdecken eine Vielzahl schöner Lokale. Gut, dass wir schon gegessen hatten.

05August
2025

Vo Luzern uf Weggis zue (Volkslied)

Tag 13, 050825

Wir verabschieden uns von diesem herrlich-friedlichen Fleck der Erde. I

Heute wollen wir die Fahrt durch die Schweiz fortsetzen und das Tagesziel soll Schöftland im Aargau sein. Sicherlich ist euch allen Schöftland ein Begriff! Nein, nicht? Oh, das sollte sich ändern. Späßle. Hier besuchen wir Paul und Cornelia Rickenbach, die uns die letzten Kilometer schon entgegen geradelt kommen.

Paul und Christoph hatten sich 2019 auf C's Tour nach Barcelona kennengelernt. Etwas von dem Trubel in Avignon überrascht, fand Paul keinen Campingplatz auf dem Weg in den Süden. Christoph lud ihn ein und teilte sich „seinen“ Platz mit Paul. Am Folgetag sind sie noch einige Kilometer zusammen geradelt, bis sich ihre Wege trennten, selbstverständlich nicht ohne Kontaktdaten auszutauschen. Und so machte Paul den Anfang und besuchte uns 2022 auf seiner Radtour nach Hamburg.

In Küssnacht war der Morgenkaffee fällig. Dann ging es links um den See herum über Luzern (was ist eigentlich überall in den Städten los, immerzu Menschenmassen?). zuvor in Meggenn sehe ich, dass ich eine Energierversorger-Firma habe:

Am Bahnhof – auch dort gab es bemitleidenswerte Gestalten – haben wir im Tourist Office mal schnell das W-Lan ausprobiert.  Wer noch Wollreste hat - hier eine Idee, sie zu verarbeiten.

Raus aus der Stadt, ganz schnell wieder in der ländlichen Idylle, haben wir nach einem ordentlichen Anstieg beim Erspähen eines Getränkehandels schlagartig Durst auf ein leckeres alkoholfreies Weizenbier entwickelt. Und sie hatten sogar ein gut Gekühltes da. Ein ganz toller Laden, sehr geschmackvoll eingerichtet und nicht so zugestellt und unpersönlich. Und noch besser: ein Gast W-Lan! Diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen und habe die beiden letzten Tage bearbeitet und hochgeladen.

Lauter Köstlichkeiten und Höchstgenüsse, hatten Paul und Cornelia für uns vorbereitet: eine leckere Rübli-Torte (das Rezept stammt aus dem Aargau) zum Kaffee; abends wurde gegrillt und leckere Beilagen zauberte Cornelia aus der Küche hervor. 

Die beiden fahren auch immer wieder Radtouren, und so haben wir sie in die „Geheimnisse“, inklusive Zeltaufbau, unseres Equipments eingeweiht. Man lernt ja nie (voneinander) aus.

Paul bemerkte schnell, dass sich meine Frontlampe etwas hängen ließ. Die Halterung war gebrochen und wir hatten sie per Kabelbinder nur hochgebunden. Mit flinken und geschulten Händen hat sich Paul dankenswerter Weise an die Reparatur gemacht – schneller als ich schauen konnte. Merkt Ihr's? Noch ein Mann, der sich um mein Fahrrad kümmert. Nun leuchtet meine Lotte wieder. Herrlich! 

Wir verbrachten einen ausgelassenen Abend mit allerhand Themen und die gemeinsame Zeit ging rasch vorbei. Fürs Frühstück verabredeten wir uns um 7:15 Uhr, denn eine große Etappe erwartete uns am nächsten Morgen. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft! Wir haben die Zeit mit euch sehr genossen und schön, dass wir Cornelia kennenlernen durften.

04August
2025

Ahoi! Vierwaldstädter See

Tag 12, 040825

Die ersten Sonnenstrahlen am Gotthard lugen ins Zimmer und wir werden so langsam wach. Wo ist noch der Physiotherapeut, der uns die geschundenen Muskeln wieder durchmassiert? Das im Zimmerpreis inkludierte Frühstück nehmen wir im Gotthard Museum zu uns (leider hat es noch zu). Der Pass gehört zu den UNESCO Weltkulturerben. Unsere Räder holen wir aus dem „Veloraum“, bepacken sie wie gewohnt und packen uns in (fast) alle Klamotten, die wir dabei haben, denn es hat nur 4° C. Auf zur Abfahrt. Ein Foto muss natürlich schon noch sein.

Dankbar bin ich dafür, dass nicht so viele Autos unterwegs sind! Jedes einzelne ist bei der Abfahrt schon unangenehm, aber alle sind sehr vorsichtig. Werde ich zu schnell, fängt das Vorderrad an zu wackeln – es gibt bessere Gefühle. Auch das Kopfsteinpflaster der „Tremola-Straße“ trägt zum Wohlgefühl nicht gerade bei.  Also bin ich etwas vorsichtiger als Christoph und bremse mehr. Andermatt haben wir schnell erreicht und unser Tagesziel „Füelen“ schnell greifbar. In der Teufelsschlucht finden wir einen Weg, der uns so nicht auf komoot angeboten wurde, aber extrem schön ist. Einige Radfahrer*innen kommen uns entgegen; mein innerer Schweinehund hofft, dass sie nicht ganz bis rauf wollen… wenn doch: „Alles Gute dafür“. Es scheint mir, und Christoph bestätigt das später auch, dass der Anstieg von der nördlichen Seite kommend, weniger schlimm ist. Auf jeden Fall viel weitere Strecken geteert.

In Altdorf kommen wir an der Tell-Statue vorbei. Natürlich mache ich ein Bild für Herrn Wildermuth, meinen Deutschlehrer in der Klasse 7-10. Ich durfte damals den Tell spielen - warum gerade ich zu der Ehre kam, weiß ich nicht. Die Hohle Gasse ließen wir recht liegen.

In Füelen angekommen finden wir schnell den Fähranleger, denn heute geht es wieder multimodal (so nennt man das nicht der Mobilitätssprache) weiter: wieder eine Fährfahrt bis Weggis, „Schiffle fahren“, wie meine Mutter gesagt hätte.

Ca. 2 Std. für schlappe 114 Franken. Ist ja Urlaub. Unsere Räder auf dem Raddampfer - passender geht es ja gar nicht!  Christoph hatte schon zwei Möglichkeiten recherchiert: einen Bauernhof, der Camping anbietet oder einen regulären Platz. Wir entscheiden uns für ersteren, in der Hoffnung, dass Platz für uns ohne Reservierung sein würde. Und da sind wir jetzt. Haben uns den Magen mit Spaghetti mit Pesto (Calabrese!) und Salat vollgeschlagen und begehen den Abend mit einem wunderschönen Ausblick auf die Berge!

03August
2025

Gotthard erreicht

Tag 11 - 030825

Kaum zu glauben, aber wahr - wir sind da!
Der Eintrag wird heut' kurz - ist uns schnurz.

Am Gipfel angekommen, haben wir uns auf den Genuss besonnen.

Haben Herberge erfragt und bekommen, fallen nach dem Abendessen, ganz benommen,
in die frisch gemachten Betten rein - das muss sein. 

Infos folgen im nächsten Eintrag. Guats Nächt'le (hier sprechen sie immer noch italienisch) 🇮🇹 🇨🇭 

Die Eidgenossen grüßen, vorgestern lagen sie ihrem Land zu Füßen (Nationalfeiertag).

03August
2025

Der große San Gottardo

Tag 11, 030825

Wir lassen uns Zeit, packen alles in Ruhe und ich werde noch ein paar Dinge los, die es (hoffentlich) nicht unbedingt brauchen wird: „Pain Relief“- Salbe aus Kroatien = Diclofenac, ein T-Shirt (my Snoopy Shirt – autsch), der lustige Regenschirm für den Kopf, den ich nur für einen Gag mitgenommen hatte…Nun freut sich ne Gruppe junger Leute darüber.

Schließlich starten wir um 10:30 Uhr. Nach nur kurzer Zeit wackelt Christoph vor mir fahrend, mit seinem rechten Bein. Irgendwas stimmte nicht. Und siehe da: eine Schraube der Klickvorrichtung am Schuh hatte sich gelöst. Er war der Überzeugung, eine Ersatzschraube mitzuführen, aber nix da, keine da. Kurzerhand schraubt er alles am rechten Schuh ab, damit es zu keinen komischen Zwischenfällen kommt (Pech gehabt – Hufeisen verloren). Ganz blöd für den Gotthard. Lesson learned: abends Schuhe checken.

Die ersten 20 km ließen sich gut bewältigen, es ging stetig bergauf und mit 2-3% Steigung kamen wir gut zurecht, 5% waren auch mal okay, wenn der Untergrund gut war. 
In Airolo mussten wir entscheiden: machen wir es oder nicht? Während sich mein innerer Schweinehund (er rät eindringlich zur Bahnfahrt durch den Gotthard) mit meinem eisernen Willen schwere Diskussionen in meinem Hirn liefert, schaut mir in einem Café mein Mann tief in die Augen. Okay, dafür sind wir angetreten: wir versuchen es. Auch im Alter darf man mal unvernünftig sein! Den Kaffee mussten wir mit den restlichen Franken Münzgeld, das ich noch zu Hause eingepackt hatte, und weil's nicht reichten ein paar Münz-Euros bezahlen. Die Wirtin bedauerte, dass die Kartenzahlung nicht funktionierte und sagte: „Zahlen Sie es halt beim nächsten Mal!“ Gemischtwährung nahm sie auch. 
Es dauerte kaum 3 km (von 10!) bis wir feststellen mussten: das wird so nichts. Aufgeben wollten wir aber auch nicht. Dann wird halt geschoben.
An Kuhweiden entlang, die PS-Protzer auf 2 oder auch 4 Rädern wechseln sich lautstark mit dem Gebimmel der Kuhglocken ab, fahren wir wo es geht und schieben wir, wo es nicht anders geht. Die alte Passstraße Tremola, das wussten wir, hat außerdem noch Kopfsteinpflaster – das erschwert das Treten in die Kurbel ungemein. Mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen, wird der fies-kalte Gegenwind stärker und demotiviert mich extrem. Aber es sind ja schon mehr Leute den Gotthard hoch gewandert. In verschiedenen Kehren versucht Christoph immer mal wieder zu radeln, aber auch ihm fällt es schwer. Ich lasse mich von den Bedingungen total runterziehen und entwickle die Methode des Schritte-Zählens. Morgens dachte ich noch: okay, 40km = 80 Etappen á 500 Meter. Nix da – die Pausen wurden mehr, dafür länger. 
Andere Radfahrer haben mich mit „Allez, allez“- Rufen versucht zu motivieren; sie selbst waren aber auch langsam, selbst ohne Gepäck.
Je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Kehre für Kehre. Ganz ohne Sauerstoff. Da lag es nahe, durchgefroren oben angekommen, darüber nachzudenken, oben zu bleiben. Da merkt man die 39 Jahre lange Verbundenheit eines Paares, wenn es keiner Worte bedarf und wir die gleiche Idee hatten. Noch nach Andermatt runter zu fahren, wäre auch wirklich unvernünftig gewesen.

Also quartieren wir uns ins Hotel ein und lassen es uns nach der Strapaze gut gehen auf 2106 Meter. Genuss-Radler wissen, wann es zu genießen gilt.